Gedanken

Was bedeutet Sexualität für dich? Part 3.

Heterosexuell? Oder vielleicht doch bisexuell? Was ist gesellschaftlich konstituiert und wer bin ich in all diesen Erwartungsbildern? Diese junge Frau ist einen langen Weg gegangen, um zu ihrer Sexualität, wie sie heute ist, zu finden…

Was bedeutet Weiblichkeit für dich?

Schwierig zu definieren, weil ich glaube, dass ich es auch für mich selbst nicht weiß. Ich glaube schon, dass ich irgendwelche Bilder in meinem Kopf habe, die schon auch eher den gesellschaftlichen Normen entsprechen, zum Beispiel Fruchtbarkeit oder die Frau als das Emotionale und etwas Sprühendes. Aber was es für mich selbst bedeutet, kann ich glaube ich gar nicht so wirklich beantworten. Also meine eigene Weiblichkeit ist nicht klar definiert. Aber ich weiß auch gar nicht, ob ich das brauche. Vielleicht auch weil ich das bei mir nie hinterfragt habe, inwiefern ich weiblich bin.

Welcher Form der Sexualität würdest du dich zuordnen?

Ich würde sagen, dass ich bisexuell bin, aber nicht ausübend (lacht). Ich habe das Gefühl, dass mich sehr viele Dinge hemmen, wie gesellschaftliche Normen und Strukturen und dass es noch schwieriger ist, als heterosexuellen Sex zu haben und an welchen zu kommen. Ich finde das ganze Thema so schon anstrengend und wenn ich dann auch noch anfange, Frauen zu etwaigen Sexualpartner*innen dazuzuzählen…da sind auch bei mir noch Schranken im Kopf und ich glaube da müsste ich noch mehr arbeiten und das ist mir glaube ich ein bisschen zu viel Aufwand.

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Was für Schranken?

Naja, es ist halt nicht Standard, dass man direkt weiß, ob die Frau jetzt auch interessiert ist oder nicht und ich habe das Gefühl, bei Männern kann man das schon auch eher spüren.

Was bedeutet Sex dann für dich?

Schöne Gefühle (lacht). Nein, das kann Vieles sein. Wenn man es jetzt mal auf das Gefühl dabei runterbricht – und ich gehe jetzt mal vom positiven Gefühl aus – dann bedeutet es loszulassen, Kontrolle abzugeben, ein Geben und Nehmen und auch die Ratio abzugeben, in die Gefühle zu gehen…es ist natürlich schon auch manchmal Bestätigung, oder Unsicherheiten stopfen, aber wenn ich jetzt nur in das Gefühl, das ich dabei habe, reingehe, würde ich schon sagen, dass es um das reine Fühlen geht. Sex bedeutet also in der Theorie etwas sehr Positives für mich.

Wurdest du aufgeklärt? Wie hast du das wahrgenommen, als du jünger warst?

Ich glaube wenn man Aufklärung ganz weit fasst und nicht nur über „wie funktioniert die Befruchtung“ spricht, wurde ich so gut wie gar nicht aufgeklärt. Ich weiß noch, dass wir in der 5. und 8. Klasse Aufklärungsunterricht hatten, aber mit einer männlichen, 60-jährigen Lehrperson, die selbst gar keinen Bock drauf hatte und meine Mutter hat mir als ich meine Periode bekommen habe, gesagt, dass ich diese und jene Binde nehmen und Kondome beim Sex nutzen soll, aber so richtig erklärt wurde mir der weibliche Körper nicht.

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Ich habe jetzt auch von Freundinnen gehört, dass ihre Mütter in einem bestimmten Alter mit ihnen zum Frauenarzt gegangen sind, unabhängig vom Verhütungsmittel-Verschreiben, einfach nur, damit man eine Idee davon bekommt, dass da ein Körperteil ist, das essenziell ist und das hat meine Mutter zum Beispiel auch nicht mit mir gemacht. Ich habe mir durch Bravo und Bravo Girl viel angelesen, habe durch Erzählungen viel gelernt, aber da war auch so viel Schwachsinn dabei. Vermutlich wurde ich wirklich eher durch die letzten Jahre aufgeklärt, durch Erfahrung und durch Fehler machen und durch Austausch.

Wenn du deine anfänglichen Erfahrungen aus deinem heutigen Wissen heraus anschaust – wie würdest du sie beschreiben?

Ich glaube, man muss nicht unbedingt wissen, was man tut, aber ich glaube ich hatte echt gar keine Ahnung, was welche Konsequenzen hat. Also aus so einem Erwartungsbild gesehen finde ich das voll krass, was ich dachte, was Männer mögen und was ich tun müsste und wie ich sein müsste, um zu gefallen. Ich habe mir unzählige Gedanken gemacht, was sexy ist, wie ich mich verhalten soll, was Männer im Bett mögen und konnte aber nie artikulieren, was mir gefällt, wie ich zum Höhepunkt komme…das ist doch schade. Und das ist bis heute so. Obwohl ich eigentlich sagen würde, dass ich für mich einstehe, kann ich das im Bett immer noch nicht richtig, glaube ich. Aber ich würde sagen, dass es sich auf jeden Fall entwickelt und verbessert hat.

Hast du ein Beispiel für die Erwartungsbilder?

Ja, ich glaube ich denke, dass ich und meine Bedürfnisse nicht so wichtig sind. Und was ich früher gedacht habe, ist, dass Männer auf jeden Fall während des Geschlechtsverkehrs kommen sollten und bei Frauen ist es halt eigentlich ein bisschen unwichtig und die kommen halt eh nicht so wirklich. Das war auch das, was ich mitbekommen habe und was auch oft in Frauenzeitschriften steht, dass viele Frauen Probleme haben, zu kommen. Aber da müsste man finde ich gleichzeitig auch erklären, dass viele vielleicht gar nicht wissen, WIE sie kommen. Dass Männer also eben auf ihre Kosten kommen und bei Frauen ist das nicht so wichtig.

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Hast du dann dadurch schlechte Erfahrungen gemacht?

Also ja, in Bezug auf Verhütung und auf safer sex auf jeden Fall. Auch zu sagen, dass ich das nicht will. Also ich war offen für Neues, aber ich habe glaube ich zu oft auch einfach nichts gesagt und einfach mitgemacht, obwohl ich mir nicht sicher war, ob ich das überhaupt wollte und ob sich das gut anfühlt.

War das im Nachhinein schlimm für dich?

Nein, ich dachte ja, das würde so gehen und alle Menschen hätten so Sex, deshalb war es in dem Moment auch kein schlimmes Gefühl. Ich glaube auch, dass das Grenzen-Überschreiten beim Sex auch nur das widerspiegelt, was ich im alltäglichen Leben als Kind mitbekommen habe. Dass ich eben nie gelernt habe, stopp zu sagen.

Hast du Schwierigkeiten mit deinem Körper?

Ich würde sagen inzwischen nicht mehr so krass. Natürlich gibt es Tage, an denen ich struggle und mir dieses und jenes Körperteil nicht so gut gefällt oder bestimmte körperliche Merkmale, die als unschön wahrgenommen werden gesellschaftlich, was ich dann natürlich auch internalisiert habe, aber ich würde sagen, dass ich inzwischen meinen Körper als nicht mehr so krass wichtig im Sinne der Schönheit wahrnehme.

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Würdest du dann auch Weiblichkeit von Schönheit trennen? Oder sind diese beiden Aspekte für dich verbunden?

Doch, schon auch. Aber ich würde das gerne eher so sehen, dass das bei Männern genau so gesehen werden kann. Das ist ja schon das Bild, das viele von Weiblichkeit oder von Frauen haben, aber ich finde, dass man dem Mann da viel zu wenig Schönheit zugesteht. Männer können doch auch so wunderschön sein. Ich habe schon das Gefühl, dass der Fokus immer auf dem Aussehen und der Schönheit der Frau liegt. Ich finde es krass, dass sowohl Männer als auch Frauen immer über das Aussehen der Frau sprechen, aber sehr wenig über das Aussehen der Männer und ich frage mich halt, was das für eine Rolle spielt und warum das so zum Thema gemacht wird.

Hast du Schwierigkeiten mit deiner Sexualität?

Ja. Beziehungsweise nicht mit meiner Sexualität, sondern mit Vielem, was damit verbunden ist. Also, dass ich halt viel am arbeiten bin gegen gesellschaftliche Ideen in meinem Kopf, wie ich als Frau beim Sex funktionieren sollte. Zum Beispiel schön sein, sexy sein, Spaß daran haben und immer alles wollen…mitmachen eben. Und dass ich Dinge nicht so gut kommunizieren kann. Wobei ich mich da frage, ob das Probleme meiner Sexualität sind, oder ob es mein Charakter ist…dass mir da Persönlichkeitsmerkmale im Weg stehen.

Fällt dir genereller körperlicher Kontakt zu anderen leicht?

Das ist ganz stark kontext- und situationsabhängig. Ich kann das ganz stark genießen, aber auch unglaublich abstoßend finden. Das hängt mit meiner temporären Laune zusammen, mit der Sympathie, die ich der Person entgegenbringe und wie sehr man das auch schon von der anderen Person gewohnt ist. Tendenziell würde ich aber sagen, dass ich es sehr genießen kann, aber dass manche Menschen eben körperliche Grenzen nicht wahrnehmen und das finde ich schwierig.

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Was sagst du zur Masturbation und den eigenen Körper entdecken?

(lacht). Dazu sage ich, dass das mega schön ist und wichtig. Ich mache es. Zu wenig gerade, ich sollte wieder mehr masturbieren (lacht). Eigentlich ist das doch Sex mit sich selbst und man sollte sich mehr Zeit dafür nehmen. Das ist nicht „nur“ Masturbation, sondern irgendwie auch mehr. Ich glaube auch, dass man das erzählt bekommt, so „nimm dir Zeit für dich selbst“, aber ich glaube ich hatte gerade auch nochmal eine neue Erkenntnis oder ein neues Gefühl dahingehend.

Wann hattest du deinen ersten Orgasmus und mit wem?

Mit mir. Ich habe mit 11 begonnen, mich selbst zu befriedigen. Mit 19 hatte ich dann den ersten Orgasmus durch einen Mann, mit meinem ersten festen Freund. Davor hatte ich schon neun Sexualpartner, die mir keinen Orgasmus verschafft haben. Aber auch, weil ich das nicht artikuliert habe und wahrscheinlich auch, weil ich dachte, dass es eh nicht geht. Ich habe aber auch nicht vorgetäuscht. Ich schätze, dass sie vielleicht dachten, ich hätte einen Orgasmus gehabt, weil ich den Sex ja trotzdem genossen habe, aber es wurde halt gar nicht darüber gesprochen und vielleicht dachten sie durch die Laute, die ich gemacht habe (lacht), dass ich gekommen wäre.

Kannst du gut nein sagen?

Nein. Ich glaube ich bin harmoniebedürftig und habe Schwierigkeiten, meine Grenzen zu ziehen und möchte oft keine bad vibes und deshalb tendiere ich glaube ich prinzipiell dazu, zu wenig nein zu sagen. Beim Sex aber glaube ich inzwischen nicht mehr. Das ist aber auch schwierig generell so zu sagen, weil ich sagen würden, dass ich so vor sieben, acht Monaten mit meinem drittletzten Sexualpartner schon auch noch Probleme hatte, nein zu sagen, da ging mir oft manches zu schnell. Inzwischen frage ich mich halt, ob ich es mit ihm anders machen würde, wenn ich nochmal in der Situation wäre.

Hast du also schon mal was gemacht, was du nicht wolltest?

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Ja.

Bereust du das?

Nein. Ich bereue es nicht, weil ja nichts Schlimmes passiert ist und ich habe mich nie wirklich erniedrigt gefühlt oder so.

Glaubst du, dass Mädchen dazu erzogen sind, immer freundlich und lieb zu sein und dass das dazu führt, dass sie oft gar nicht wissen, was sie wollen?

Ja, schon. Und dann muss man da echt viel Arbeit reinstecken, wenn man eine emanzipierte Frau werden will. Ich habe das Gefühl, dass Frauen nicht zugestanden wird, hart zu sein…oder was heißt hart sein? Das ist doch schon so klassisch…man muss doch nicht hart sein, wenn man seine Grenzen kennt, aber Frauen wird halt weniger zugestanden, Bedürfnisse zu haben, die auch klar zu äußern und dann auch kompromisslos zu sein.

Was würdest du an dir und der Gesellschaft gerne verändern?

Ich würde gerne super viele Normen und Werte oder Anforderungen, die man an beide binäre Geschlechter stellt, hinterfragen und mit vielen Menschen darüber sprechen oder das auch in der Öffentlichkeit ansprechen. Es soll gar nicht gesagt werden, dass es schlecht ist, so wie es ist, sondern die Menschen sollen kritischer werden und mal in sich reinhorchen und sich selbst fragen, warum tue ich die Dinge so, wie ich sie tue?

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