Gedanken

Was bedeutet Sexualität für dich? Part 2

Im zweiten Gespräch habe ich mich mit einer etwas jüngeren Frau unterhalten. Sie ist 17 Jahre alt und bezeichnet sich aktuell als heterosexuell – das Leben mit all seinen Versuchungen kann das aber durchaus noch verändern, sagt sie…

Was bedeutet Weiblichkeit für dich?

Ich weiß nicht, ob ich viel von einer genauen Vorstellung halte, also dass eine Frau nur dann und dann eine Frau ist, wenn sie ein Kleid trägt, mit einem Mann zusammen ist und sich so verhält, wie es von einer Frau erwartet wird. Leise kichert, vornehm sitzt, die Beine übereinanderkreuzt…das ist eben nicht das Rollenbild für mich. Mein Beine schlage ich auch übereinander, aber einfach weil es für mich so am Bequemsten zu sitzen ist.

Hast du dennoch manchmal das Gefühl, dass du dich so verhältst, wie es gesellschaftlich oft von einer Frau erwartet wird, wenn du mit Jungs zusammen bist, die du toll findest?

Vielleicht aus Versehen? Also dass ich das nicht bewusst mache, sondern dass es mir anerzogen ist, das könnte schon sein.

Würdest du sagen, dass du heterosexuell bist?

Soweit ich das jetzt schon sagen kann, ja, aber das Leben birgt noch so viel, das es zu entdecken gibt, das kann sich also nochmal verändern.

Wie wurdest du aufgeklärt?

Durch meine Freunde, mit denen ich ziemlich offen rede. Wir hatten relativ lange Zeit, uns damit auseinander zu setzen, weil wir halt nicht schon mit 14 oder so unser erste Mal hatten, bevor wir unser Sexleben überhaupt mal reflektiert hatten. Also dadurch, dass der Sex erst später kam bei mir, konnte ich mir Gedanken darüber machen, wie sich das eigentlich verhält, ob ich den Mann beglücken muss, oder geht es eigentlich darum, dass wir beide zusammen Spaß haben. Ich glaube da habe ich relativ früh gemerkt, dass meine Einstellung dazu ist, dass nicht ich für den Mann zuständig bin, sondern, dass man sich gemeinsam umeinander kümmert. Aber ich habe das jetzt auch nicht von Zuhause mitbekommen. Dort habe ich eher gelernt, dass der Vater der ist, der arbeiten geht. Also meine Mama hat immer gesagt, dass die Mutter liebt und der Vater streng ist. Das war so das Rollenbild, das ich Zuhause gelernt habe. Das sehe ich aber mittlerweile auch nicht mehr so.

Hast du schlechte sexuelle Erfahrungen gemacht?

Nein. Aber Freundinnen. Dass ein Nein nicht akzeptiert wird. Ich denke das Problem ist, dass ein Nein oft so verstanden wird, dass die Jungs denken, dass sie sich erstmal anstrengen müssen, damit das Nein zum Ja wird.

Foto von Emre Can von Pexels.

Dass das oft missverstanden wird, weil es aber teilweise von Mädchen auch so benutzt wird, dass sie sich zieren, dass sie erobert werden wollen und ein Nein so zum Ja werden kann. Ein anderes Mädchen sagt aber Nein und meint auch Nein. Und da ist glaube ich die Schwierigkeit auch für die Männer, dass sie da den Unterschied erkennen sollen. Dass die eine Frau sagt, „Was für ein Arschloch, ich habe ihn doch nur ein bisschen zurückgewiesen, warum ist er jetzt gleich gegangen?“ und eine andere Frau sagt „Warum ist er NICHT gegangen?“.

Hast du Schwierigkeiten mit deinem Körper?

Auf jeden Fall. Ich denke wegen Vergleichen gegenüber anderen Körpern und weil man beim Körper irgendwie anfängt, von innen nach außen zu projizieren. Wenn ich jetzt das verändert habe, dann geht es mir besser und ich werde glücklich sein, denke ich oft. Aber eigentlich bin ich innerlich unzufrieden, habe mir das aber noch nicht bewusst gemacht, noch nicht reflektiert. Du siehst äußerlich eine Speckfalte und denkst dir, dass dir diese nicht gefällt. Die kannst du so viel leichter verändern, als etwas Inneres. Wenn du zum Beispiel im Streit immer anfängst zu schreien und das nicht magst, ist die Speckfalte einfacher in den Griff zu kriegen als dein Verhalten im Streit.

Und halt auf jeden Fall auch das Schönheitsideal der Medien, das einem sagt, nur wenn du so und so aussiehst, bist du gewollt und dann schaut dich auch jemand an.

Wann hattest du deinen ersten Orgasmus und mit wem?

Den ersten hatte ich, da war ich glaube ich 12 oder 13, mit mir selbst. Früher war mir Masturbation total peinlich, weil alle gesagt haben, dass sie das nicht machen. Gerade in meiner Klasse früher hat das keiner gemacht und ich dachte dann, dass ich seltsam bin und habe mich dafür geschämt. Aber als ich mit meinen anderen Freundinnen darüber gesprochen habe und die das auch gemacht haben, war ich super erleichtert. Heute schäme ich mich auch nicht mehr dafür. Es schämt sich ja auch kein Junge dafür. Wieso sollte ich mich dann schämen?

Foto von Shamia Casiano von Pexels.

Kannst du gut Nein sagen?

Nicht so gut. Am Anfang, wenn ich einen Typen kennenlerne und ich will mit dem nichts haben, dann kann ich gut „Nein, lass mich, ich möchte das nicht“ sagen. Aber wenn ich mal drin bin in so einer Situation und sozusagen zu etwas anderem schon ja gesagt habe, fällt es mir super schwer, nein zu sagen, weil ich mich dann irgendwie schuldig fühle. Aber das ist auch nur, wenn ich jemanden nicht so gut kenne. Je besser ich jemanden kenne, desto leichter fällt es mir dann auch, nein zu sagen. Das hängt wahrscheinlich mit dem Rollenbild zusammen, dass man als lieb und nett wahrgenommen werden will als Mädchen. Dass ich mich bei Freunden drauf verlassen kann, dass sie mir das nicht übel nehmen und dass ich es dann vor allem erklären kann. Dass ich sagen kann: „Du, in einem anderen Moment vielleicht gerne. Aber jetzt  aus dem oder dem Grund nicht oder es ist vielleicht auch nichts, es bin einfach nur ich, die gerade nicht möchte.“ Wenn ich die Person nicht kenne, habe ich glaube ich auch ein bisschen Angst, sie zu verletzen, dass sie dann wegen mir Komplexe kriegt oder sowas und denkt, dass er zum Beispiel voll schlecht küssen kann und deshalb bin ich gegangen oder so. Das löst dann so ein ungutes Gefühl in mir aus, dass ich dann oft manchmal doch einfach mitmache.

Also hast du schon mal was gemacht, was du eigentlich nicht wolltest?

Ja, aber eher auch so betrunken dann. Dann drückt man es kurz weg und hält es aus und denkt dann, ist ja auch gleich vorbei, dann kann ich ja auch gehen und dann ist das egal.

Foto von Mauricio Mascaro von Pexels

Ich glaube auch, dass das oft gar kein bewusstes Verhalten ist, dass du gefallen möchtest oder so, sondern dass du dir angewöhnt hast, dich so zu verhalten, zu gefallen, immer freundlich zu sein. Vielleicht ist es in mancher Hinsicht ein Rollenbild der Mädchen, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse ein bisschen wegdrücken und auch in einer unangenehmen Situation freundlich bleiben, weil sie halt so erzogen sind.

Würdest du das gerne verändern?

Ja schon. Aber ich müsste erstmal selbst schaffen, das in mir drinnen zu verändern dann könnte ich anfangen, zu analysieren, wie man das gesellschaftlich verändern kann, wie man das den Mädchen beibringen kann, weil sie halt einfach gerne freundlich sein wollen. Du willst ja auch kein Kind heranziehen, das total unfreundlich zu allen ist, sondern jemanden, der in den richtigen Momenten für sich einsteht. Das finde ich auch das Stärkste, wenn Mädchen zu sich stehen und Nein sagen und für ihren eigenen Willen einstehen. Das bewundere ich total. Wenn ein Mädchen so ein starkes Selbst hat und sich vertreten kann. Das habe ich schon zwei, drei Mal miterlebt und war jedes Mal total neidisch und wollte das selbst auch so können.

Was würdest du an dir oder der Gesellschaft verändern?

Ich will die Stärke in mir finden. Ich will Selbstbewusstsein finden und mich selbst lieben lernen. Und dazu gehört dann auch, sich selbst vertreten zu können. Damit ich das auch mal an meine eigenen Kinder weitergeben kann.

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