Gedanken

Was bedeutet Sexualität für dich?

Sexualität ist ein Thema, über das manchmal zu viel und viel oft viel zu wenig gesprochen wird. Ein Thema, das so individuell ist, wie selten ein anderes. Und das die Gemüter durcheinander bringt, Chaos schaffen kann, verunsichernd ist, aus dem Liebe und Leben entsteht, ebenso wie es entzweit. Angst, Neugierde, Spaß – viele Menschen, viele Assoziationen, die mit Sex und allem, was dazu gehört, verbunden sind.

Ich habe mich oft mit Freunden und Familie, manchmal auch mit Fremden verschiedener Altersstufen und unterschiedlicher Geschlechter über Sexualität unterhalten und konnte irgendwie nicht so richtig einen roten Faden entdecken – und das, obwohl wir doch alle so aufgeklärt scheinen. Das hat mich neugierig gemacht – was sind die Geheimnisse, woher stammen unsere Unsicherheiten, wie definieren wir Weiblichkeit, Sexualität, Rollenbilder, ist alles sozialisiert oder doch biologisch? Warum überschreiten wir immer wieder Grenzen – unsere, aber auch die von anderen?

Ich habe eine Reihe von Menschen befragt und werde die Antworten nach und nach hier veröffentlichen. In dieser Serie will ich erst einmal nur versuchen, die weibliche Perspektive abzubilden. Begonnen habe ich mit einer Freundin, die Mitte 20 ist und seit vielen Jahren in einer heterosexuellen Partnerschaft lebt. Sie bezeichnet ihre Erfahrungen als glücklich und heil, gerade wenn sie sich mit anderen vergleicht, hat sie das Gefühl, dass bei anderen so vieles kaputt gemacht wurde und so vieles schief gelaufen ist, was ihr erspart blieb. Vielleicht ist das so, vielleicht würde eine andere Person aber auch gerade das, was aussieht, als wäre da mächtig was „schief gelaufen“, als essentiell für ihr eigenes Leben erachten. Wie gesagt – ein Thema, das so individuell ist, wie die Menschen selbst. Ich bin gespannt, auf die einzelnen Ansichten und Einblicke in etwas, was sonst oft nur hinter dem Vorhang der Privatheit bleibt.

Was bedeutet Weiblichkeit für dich?

Früher habe ich das mit Rollenbildern verbunden. Ich weiß noch, dass ich zum Beispiel als Kind immer die anderen Mädchen bewundert habe, die so super ordentlich schreiben konnten, die so eine super feminine Schrift hatten, wo alles perfekt aussah, das habe ich immer nicht hinbekommen. Meine Schriftform habe ich als männlich wahrgenommen und mich dafür geschämt. Meine Mutter war auch immer gegen „weibliche“ Frisuren und Kleider, meine Schwester und ich, wir hatten zwei rosa Kleider und da mussten wir unsere Mutter immer erst ewig lang überreden, bis wir die anziehen durften und das stellte für mich schon Weiblichkeit dar. Ich habe auch extrem viel mit Barbie gespielt – als Kind war das für mich „richtiges Mädchen-Sein“.

Später in der Pubertät habe ich gemerkt, dass es Menschen stört, wenn ich mal wütend oder laut wurde, dass sie mich dann abgelehnt haben, deshalb habe ich versucht, das Ruhige, Ausgeglichene zu verkörpern, habe mich perfekt gestylt, immer stundenlang vor der Schule geschminkt – mit Weiblichkeit habe ich also damals immer Schönheit verbunden.

Ist das heute immer noch so?

Ich beschäftige mich immer noch viel mit meinem Aussehen, aber ich schminke mich zum Beispiel kaum noch.

Aber schön sein willst du trotzdem noch?

Ja, aber ich weiß inzwischen, dass ich mich auch ungeschminkt schön finde oder auch, wenn ich mal „abgeranzt“ aussehen.

Schön von innen heraus – oder doch lieber die Konturen etwas nachzeichnen?

Woran machst du dann deine Schönheit fest?

Ich finde das hat viel mit Ausstrahlung zu tun, ich bin eigentlich zufrieden mit dem, was ich bin. Das hat aber lange gedauert, erst mit 17 oder 18 bin ich da mit mir ins Reine gekommen, auch so mit meiner Figur. Das hängt zum Beispiel auch damit zusammen, dass ich dann begonnen habe, in die Sauna zu gehen – dort sieht man, dass kein Körper perfekt ist. Obwohl ich, wenn ich jetzt in die Sauna gehe und eine junge Frau mit einem perfekten Körper sehe, schon ein bisschen neidisch bin und mich frage, wie sie das macht und dann wünsche ich mir schon ein Stück weit, auch so auszusehen.

Wie definierst du deine Sexualität?

Ich glaube, dass man das nicht so richtig einordnen kann  – ich glaube, dass das von Lebensphase zu Lebensphase schwankt und ich finde es schwierig, mich da zu kategorisieren. Ich würde nicht sagen, dass ich zu 100 % hetero bin, sondern schon in die Bisexualität tendiere. Aber ich lebe in einer heterosexuellen Beziehung.

Was bedeutet Sex für dich?

Also ich glaube, dass es etwas mit Liebe zu tun haben kann, aber nicht muss. Oft ist es auch einfach der Spaß, den man zusammen hat. Aber ich glaube, dass man kein Spaß beim Sex haben kann, wenn man den Sexpartner hasst, man muss den Menschen schon zumindest sympathisch finden.

Du hattest schon sehr früh Sex. War das auch mit dem Bedürfnis, schön sein zu wollen, verbunden?

Ja, aber ich glaube das ist normal. Ich habe mich mit meinem Körper extrem unwohl gefühlt. Nicht mit dem Sex, aber ich habe mich immer gefragt, was er jetzt dazu denkt. Er hat das aber dann auch geäußert, dass er das überhaupt nicht so wahrnimmt, wie ich das denke, sondern, dass er mich wirklich schön findet. Es wäre ja auch widersprüchlich, wenn er mich nicht schön finden würde, aber trotzdem dabei erregt ist.

Und warum dachtest du, dass du nicht schön genug bist für ihn?

Das hängt schon mit meiner Figur zusammen. Dass ich dachte, dass das nicht durchtrainiert genug ist, dass da zu viele Speckfalten sind…Das kommt glaube ich auch durch die Zeitungen, in denen man Frauen gesehen hat, die einen perfekten Körper zu haben scheinen. Und irgendwie haben sich auch nur die Körper von Freundinnen eingeprägt, die eine „perfekte“ Figur hatten. Aber auch die Frauen, die so einen Körper hatten wie ich selbst – bei denen war das schön, nur bei mir nicht. Das ist manchmal heute noch so. Bei den anderen finde ich es super ästhetisch und bei mir denke ich manchmal, was für ein Nilpferd ich bin.

Kein Nilpferd, sondern eine wunderschöne Frau bist du! Foto von Lisa Fotios von Pexels

Hat sich deine Einstellung in deinem Sexleben verändert?

Ja, ich war extrem ungebildet. Ich hatte da echt Glück, weil ich jemanden hatte, der wusste, was er tut und der auch sehr sensibel war. Wir wollten beide, dass es uns beiden gefällt und wollten da auch immer Feedback. Ich war da oft erstaunt, was alles geht. Zum Beispiel meinen ersten Orgasmus – das habe ich nicht selbst rausgefunden, sondern er hat ihn mir gezeigt. Ich hätte nicht gewusst, wie das geht.

Hast du dann angefangen zu masturbieren?

Ja, aber erst, als ich dann wusste, wie das geht. Also hat er mir meinen weiblichen Körper irgendwie auch erklärt. Er war da nie egoistisch. Was das angeht, war ich eine richtige Königin und das hat sich bis heute nicht geändert.

Gab es auch schlechte Erfahrungen?

Mit meinem Partner nicht, aber mit vielen anderen schon. Freunde, die einen dann doch, wenn sie betrunken waren, mal angefasst haben, was einem schon währenddessen so unglaublich unangenehm war, da gab es schon so viele Situationen inzwischen. Auch mit Leuten, die mir fern waren, die da definitiv Grenzen überschritten haben, wo einem auch im Nachhinein erst klar wurde, dass das jetzt sexuelle Belästigung war oder in die Richtung ging. Generell sind die Erwartungen im Club, die da an Frauen gestellt werden, komisch, dass man einfach angetatscht wird und das in Ordnung finden soll. Das spiegelt doch wider, dass Frauen eigentlich gesellschaftlich den schwachen Part übernehmen sollen. Dann kommt der starke Mann und du gibst halt nach.

Und ist es das, was du als Frau fühlst?

Nein, überhaupt nicht. Ich finde es einfach nur unglaublich anekelnd inzwischen. Früher hat es mich überfordert, wenn jemand auf mich reagiert hat, wenn ich Komplimente bekommen habe. Eigentlich fand ich es am Anfang auch schmeichelnd. Und irgendwann wird es dann normal, dass du die ganze Zeit so begeiert wirst – das kommt natürlich auf den Club an, in den du gehst, aber dort, wo ich früher war, waren Frauen einfach nur ein Stück Fleisch, das begeiert wird und das fand ich wie gesagt anfangs toll. Aber irgendwann habe ich Selbstachtung entwickelt und ein gewisses Selbstwertgefühl und wollte vielleicht auch einfach nur wegen der Musik feiern gehen und dann stört das.

Spiegelt sich das starke und das schwache Element in eurer Beziehung wider?

Ich würde schon sagen, dass ich bei ihm auch Schutz suche und er Stärke ausstrahlt. Vor allem innere Stärke, wo ich mich dann auch aufgehoben fühle. Und wenn er das mal nicht kann, merke ich auch, dass ich enttäuscht bin. Und das ist auf jeden Fall sozialisiert – da bin ich mir ganz sicher.

Würdest du das gerne ändern?

Klar wäre ich da gerne selbstbewusster und würde mich mehr trauen. Das spiegelt sich dann ja in meinem ganzen Erfolgsleben wider und in meinen beruflichen Erfolgen, in dem was ich mache, was ich schaffe, was ich mir zutraue. Manchmal habe ich das Gefühl, ich brauche ihn dafür, ich schaffe das nicht alleine. Ich versuche daran zu arbeiten, aber ich finde das ziemlich schwer.

Selbstliebe, Masturbation, den eigenen Körper entdecken?

Wichtig (lacht). In der Beziehung habe ich gelernt, das zu machen. Ich weiß noch, dass ich früher dachte, dass ich das nicht brauche, weil ich ja keinen Druck ablassen muss oder sowas. Für mich war das eigentlich was Männliches. Inzwischen ist das aber nicht mehr so, inzwischen finde ich es normal.

Wieso dachtest du, dass es was Männliches ist?

Naja, Sexualtrieb sagt man, ist was Männliches. Die Gesellschaft sagt das. Ich weiß noch, dass wir früher manchmal unseren Hasen beim Sex zugeschaut haben und da ist das Weibchen immer stehen geblieben und das Männchen ist auf die Frau draufgestiegen. Da hatte ich schon das Gefühl, dass Männer mehr einen Trieb haben. Die weibliche Masturbation habe ich irgendwie lange mit etwas Versautem assoziiert, dass man da billig ist, das war ewig lange schambedeckt, ich weiß aber gar nicht warum und wo man sowas lernt.

Einmal habe ich mit meiner Mutter gesprochen und da hat sie mir gesagt, dass man auch miteinander Freude haben kann, ohne, dass man Sex im Sinne der Penetration miteinander hat und das war so entscheidend, dass sie mir das gesagt hat. Das war wichtig.

Nein heißt Nein! Foto von Linda Eller-Shein von Pexels

Fällt es dir leicht, nein zu sagen?

Bei fremden Männern ja, bei Freunden nicht. Ich will sie ja nicht verletzen oder die Freundschaft kaputt machen. Einmal hat ein Freund, der betrunken war, an meine Brüste gefasst. Ich war völlig schockiert und es war super unangenehm, aber ich bin einfach nur weggegangen. Jedem anderen hätte ich voll eine geknallt, aber bei dem Freund bin ich einfach nur weggegangen und habe versucht, das Thema beiseite zu schieben und ich habe es bis heute nicht geschafft, ihn damit zu konfrontieren.

Generell ist das Verhältnis von Mann und Frau nicht ausgeglichen, glaube ich. Das ist ja auch nicht nur in einer Beziehung so, sobald man einen männlichen Vorgesetzen beispielsweise hat, hat man zu dem ein anderes Verhältnis, als wenn es eine weibliche Vorgesetze ist.

Was würdest du an dir und der Gesellschaft gerne verändern?

Dass man sich von den Rollenbildern mal ein bisschen entfernt. Auch was wir den Kindern da immer eintrichtern. Was wir da für Bilder und klischeehafte Abbildungen in der Grundschule teilweise hatten, so von wegen „was ist eine Familie und wie hat eine Familie zu sein“, „was übernimmt die Mutter und welche Rolle hat die Mutter“, „welche Berufe übernehmen Männer und welche Frauen“. Manchmal gibt es auch Tabusätze, die einfach ausgesprochen werden in der Öffentlichkeit, bei denen man sich fragt, wieso sowas noch gesagt wird. Wie zum Beispiel Angela Merkel, die als die Mutti bezeichnet wird. Ok klar, sie ist eine Frau, ja. Aber anstatt, dass gesagt wird, dass sie eine starke Frau ist, ist sie die Mutti. Alleine das i ist schon so eine Verniedlichung und wertet das eigentlich schon wieder herab. Ohne dass ich Angela Merkel glorifizieren möchte, aber sie ist doch alles andere als eine Mutti. Und Männer sollten Feminismus nicht als Gegenbewegung zu ihnen, zu dem männlichen Geschlecht, zu Männlichkeit sehen, sondern als etwas, das eigentlich das Ziel hat, für alle am Ende einen größeren Nutzen darzustellen. Ich finde auch, dass Männer einer extremen Last ausgesetzt sind. Ich meine was verlange ich denn da von meinem Freund, dass er immer die Stütze für mich ist. Das ist doch mega der Druck. Auch so ein Familienvater – was da für ein Druck auf so einem Mann lastet, das ist doch schrecklich, mich würde das total fertig machen. Wenn Männer sich da mehr von distanzieren können und den Frauen helfen, dass sie sich besser emanzipieren können, würde das doch auch die Männer entlasten. Ich glaube nicht, dass alle Männer diese klassischen Rollenbilder wollen. Dass man einfach besser von Kind auf anfängt, die Rollenbilder in jeglicher Hinsicht zu lösen. Das ist aber sehr schwer als Eltern, weil man halt von überall den Einfluss hat.

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