Gedanken

Ethischer (Online-)Journalismus?

Ich studiere unter anderem Medienethik. Ein etwas unschöner, trockener Einstieg in diesen Artikel, aber als erste Info wichtig. Also lasst uns erstmal die Rahmenbedingungen schaffen. Ich habe im Rahmen des Studiums ein Seminar belegt, das aktuelle medienethische Themen behandelt hat: Der Boulevardjournalismus (Bild, Yellow Press, taff, Der Bachelor und Co.). Die in diesem Seminar erlernten Inhalte stehen auf der einen Seite der Überlegungen dieses Artikels, während mein Praktikum in einer Online-Redaktion eines mittelgroßen Nachrichtendienstes auf der anderen steht.

Ich werde erst einmal versuchen, die Seite des Boulevardjournalismus etwas zu skizzieren. Diese Form des Journalismus kann man sich beinahe ein wenig wie den*die geschwätzige*n Nachbar*in vorstellen, der*die kurz vorbeikommt, um den neuesten Tratsch zu erzählen. Voller Emotionen schildert er*sie alltägliche Themen, die interessant sind und die in Umgangssprache erörtert werden. Vieles basiert auf Stereotypen und Klischees, es wird einseitig berichtet (ist ja nur der*die Nachbar*in, die erzählt), oft wurde davor wenig oder unzureichend recherchiert/nachgefragt, es kommt häufig vor, dass nur ein Verdacht berichtet wird und keine handfesten Tatsachen. Zusätzlich werden die Geschichten mit großen Bildern, fetten Überschriften und knappen, reißerischen Sätzen ausstaffiert. Der*die Leser*in/Zuhörer*in auf der anderen Seite konsumiert das aus genau denselben Gründen, wie es auch der*die Nachbar*in erzählt: Genuß, Zeitvertreib, es trägt zur Erhaltung menschlicher Beziehungen bei, es hilft beim Zurechtfinden in der Welt, es werden Werte- und Zielvorstellungen vermittelt, es erleichtert eigene Probleme und hilft beim Entspannen…
Letztlich ist der Boulevardjournalismus eine Frage des*der Konsument*in, denn diese*r besitzt die Souveränität, sich selbst für das Medium seiner*ihrer Wahl zu entschieden. So geht man bespielsweise im Rahmen des Uses-and-gratification-Ansatzes davon aus, dass nicht die Medien bestimmen, wie über was berichtet wird, sondern dass die Konsument*innen ihrerseits entscheiden, was sie kaufen und somit auch die Medienlandschaft formen. Bezogen auf den Boulevardjournalismus sind das Themen, wie Kriminalität, sex (always) sells (Sex oder Frauen?), Feindbilder, Stereotype, Sport, Promis und so weiter.

Foto von: Hannah Burger


Der Journalismus als Gatekeeper

Der Journalismus ist seiner klassischen Rolle, wie man ihn lange verstanden hat, wurde mittlerweile von vielen technischen Innovationen der Digitalisierung eingeholt, ja vielleicht sogar überholt. Wo früher die traditionellen Massenmedien und insbesondere die Tageszeitungen waren, ist heute das Internet mit seinen vielen, vielen Möglichkeiten.

(Mindestens) Drei große Probleme treten hier auf:

  1. Das Verlagswesen hat Probleme sich zu monetarisieren, wodurch insbesondere die Tageszeitungen an Reichweite verlieren. Die Werbebetreibenden sehen im Internet deutlich mehr Möglichkeiten, den*die Kund*in zu erreichen und nutzen diese neuen und besseren Wege, anstelle der wenig reichweitenstarken Zeitungen.
  2. Das Fernsehen (gemeint ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit seinem Versorgungsauftrag) hat eine enorme Konkurrenz durch Netflix, Amazon Prime und andere Unterhaltungsplattformen.
  3. Der globalisierte Weltmarkt des Mediengeschäfts bedeutet größere Konkurrenz. Und größere Konkurrenz bedeutet Vernachlässigung der Recherche. Dieser Punkt ist ganz besonders wichtig, denn er zielt auf die Ausgangsfrage – kann es überhaupt noch ethischen (Onlien-)Journalismus geben?

Was ist also Journalismus in heutigen Zeiten? Was erwarten wir uns von ihm? Welche Quellen sind glaubwürdig? Können wir das überhaupt selbst entscheiden/mitgestalten? Und wie kann sich der professionelle Journalismus in Zeiten des Internets überhaupt noch vom „Bürgerjournalismus“ abgrenzen? Oder gegen die Vertreter partikularer Interessen, die für diese Interessen PR-Arbeit und Werbung betreiben? Schließlich macht sowohl der Bürgerjournalismus als auch PR-Arbeit den Anschein von Journalismus. Wie kann sich der Journalismus hier also separieren?

Mögliche Lösungen

Der Journalismus muss die eigene Rolle im Internet neu zu definieren. Er muss raus aus der Ein-Weg-Kommunikation, denn er hat nicht mehr länger die Rolle des Gatekeepers inne. Ein Gatekeeper, das ist der, der alles mitkriegt, aussortiert, entscheidet, was wichtig ist – und schließlich eine kleine Auswahl an die breite Masse durch Veröffentlichung weitergibt. Der Journalismus muss sich also in dynamischer Umgebung fortlaufend erneuern. Er muss sich ständig innovativ weiterentwickeln, um den Generationenabriss zu vermeiden, er muss lernen die Möglichkeiten des Internets auszuschöpfen, er muss crossmedial arbeiten, eine Vielzahl von Kanälen bespielen, muss interagieren und Feedback integrieren.

Neu denken, modern arbeiten und dennoch den kritischen Standards treu bleiben.

Statt des Gatekeepers, muss er die Rolle des Moderators einnehmen und reflektierte Diskurse schaffen, er muss navigieren und hier eine Orientierung in der Fülle der Informationen des Internets bieten.

Denn hier liegen immense Chancen. Nutzer*innen haben nun die Möglichkeit der Artikulation und können so ein vielfältigeres Bild der Welt mitgestalten. Durch die Einbindung des Publikums kann eine erhöhte Transparenz entstehen und die digitale Recherche bietet rieeeeesen Vorteile! So große!

Aber – und das ist wirklich ein fettes, fettes ABER: „Be first but be right!“ – das ist der Slogan, der zählen sollte. Denn die Schnelligkeit, die eine weltweite Vernetzung und somit auch Konkurrenz verursacht, sollte nicht Grund dafür sein, dass die Recherche ungenau und die Informationen halbwahr werden.

Und das führt jetzt endlich zu meinem Praktikum. Denn das ist die Praxis. Und ich muss sagen…es hat mich ein wenig erschreckt, wie die Realität aussieht.

Grundsätzlich beobachte ich, dass sich meine Kolleg*innen Mühe geben, den ethischen Standards zu entsprechen, insbesondere denen des Presserats. Er hat mit dem Pressekodex durchaus eine gewisse Orientierungsfunktion und stellt den erhobenen Zeigefinger dar, den*die kritische*n Lehrer*in, der*die doch immer mit über die Schulter schaut. Es sind junge Menschen in meiner Redaktion, die alle das Ziel verfolgen, etwas Gutes zu tun, die Menschen zu informieren, die Welt ein wenig transparenter zu machen, ein Abbild dessen wiederzugeben, was täglich um uns herum geschieht. Es sind Journalist*innen, die niemandem etwas Böses wollen. Aber öffnet eine*r von uns die Plattform unserer Klickzahlen und Pagebesuche. Und plötzlich entsteht da Druck. Denn die Konkurrenzseiten waren wieder schneller, die Besucher*innen sind von Google auf eine andere Seite verwiesen worden, die Titel waren nicht SEO-tauglich, in den Rankings schneiden wir schlecht ab und, und, und. Also muss etwas geändert werden. Die Rüge vom Chef folgt auch direkt in der nächsten Redaktionskonferenz. Also..was tun?

Titel SEO-freundlicher gestalten. Heißt: Da müssen Schlagwörter rein. Und Schlagwörter sind in der Regel nicht die charmantesten Wörter. Die Leser*innen orientieren sich doch leider eher an reißerischeren Titeln. Fast ein wenig wie beim Boulevardjournalismus – auch in den hochwertigen Zeitungen wie Zeit, Süddeutsche Zeitung und Ähnliche. Auch hier werden Themen gelesen, die nicht nur informieren, sondern aucch amüsieren. Also kurze, präzise, informative Titel, in denen aber noch etwas Hervorstechendes, Abgrenzendes, Einzigartiges drin sein muss. Ein bisschen Aufregung, ein bisschen Verbotenes. Haha. Und dann aber hochwertig bleiben. Merkt ihr die Schwierigkeit? Gar nicht so einfach, wenn man die ganze Zeit den Geld-Druck im Nacken hat. Denn irgendwie muss man sich ja finanzieren. Hauptsächlich durch Werbung eigentlich. Und die Werbung kommt dahin, wo die Klicks sind. Und die Klicks sind dort, wo die aufregenden Titel und Geschichten sind. Und die aufregendsten Geschichten sind…manchmal gar nicht so gaaaanz wahr. Also wahr schon, aber vielleicht etwas aufgebauscht. Ein bisschen übertrieben im Titel und am Ende steht da gar nicht mal so viel im Artikel selbst.

Gestern ist mir etwas begegnet, das hat mich echt ein wenig schockiert. Ein Kollege hatte durch einen Kontakt herausgefunden, dass ein Mann, der mehrere Frauen ermordet hat und seitdem im Gefängnis sitzt, versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Am nächsten Tag in der Redaktion haben wir versucht, herauszufinden, ob da was dran ist und ob wir darüber berichten sollen. Die JVA war allerdings sehr zugeknöpft und nicht gewillt, uns eine Information zu geben. Der Artikel wurde dennoch geschrieben. In der Überschrift stand so in etwa: „Mehrfacher Frauen-Möder begeht Suizid in Gefängnis!“ Das wird geklickt. Jede*r will wissen, was hinter dieser Information steckt, wo das war, wer das war und so weiter. In den Artikel geklickt stand dann nur noch die Erklärung, dass die JVA keine Informationen preisgibt, es aber laut anonymer Quelle sein könnte, dass er sich das Leben genommen hat. Letztlich wurde hier nicht gelogen. Aber auch nicht so richtig ethisch mit der Wahrheit umgegangen. Grauzone vermutlich.

Wo sind die Grenzen?

Ich habe keine Antwort auf die Frage, wie sich eigentlich seriöse Medien in dem Kampf um Klicks mehr auf den ethischen Journalismus beziehen können, als immer ein wenig auf den Boulevardjournalismus zuzugehen. Denn letztlich ist es der*die Konsument*in, die mitentscheidet. Wie oben beschrieben. Wir sind es, die anklicken. In den Apps, auf Facebook, wo auch immer wir unsere Medien beziehen. Das muss ich mir glaube ich wieder vermehrt vor Augen führen, dass ich mitgestalte, indem ich konsumiere. Je mehr hochwertige Artikel ich lese, desto mehr werden auch produziert. Je mehr ich interagiere, Transparenz fordere, auf auserlesene Quellen bestehe, desto mehr wird auf meine Nachfrage eingegangen. Wenn ich das öffentlich-rechtliche Fernsehen konsumiere, anstatt die privaten Sender, unterstütze ich den Versorgungsauftrag und sichere unseren unabhängigen Rundfunk. Wenn ich ein Abo bei einer Zeitung abschließe (kann ja auch ein Digitales sein), unterstütze ich das Blatt enorm. Und wenn ich meine Nachrichten aus Newsapps beziehe, habe ich auch hier immer die Wahl, wie ich das gestalte.

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